Titelblatt Vossischen Zeitung vom 8. April 1866, Staatsbibliothek Berlin ZEFYS

Ein Stammbuch von Giacomo Meyerbeer

Karl E. Grözinger

Eine jüdisch-christliche Gesellschaft Berlins zu Beginn des 19. Jahrhunderts
– Beer, Meyerbeer, Ephraim, Salonbesucher –

Ein Bericht in der Vossischen Zeitung vom 8. April 1866

Am Sonntag den 8. April 1866 brachte die hochangesehene Berliner Vossische Zeitung zum zweiten Todestag von Giacomo Meyerbeer einen Essay zu einem sehr intimen Familiendokument des gefeierten jüdischen Berliner Pianisten, Komponisten und Generalmusikdirektors Meyer Beer.

 

Giacomo Meyerbeer_Ölgemälde_von_Karl Schmidt_1832_Stadtmuseum Berlin
Portrait Giacomo Meyerbeer, Ölgemälde von Karl Schmidt, 1832, Stadtmuseum Berlin

Es ist das Poesiealbum des damals Neunzehnjährigen, das ihm Freunde und Verwandte aus Anlass seiner Abreise aus Berlin am 1. April 1810 schrieben. Der Verfasser des Zeitungs-Artikels ist der Sohn eines Cousins von Meyerbeer, der bekannte Arzt, Begründer und Generalsekretär des 1865 ins Leben gerufenen Vereins für die Geschichte Berlins, Dr. Julius Beer, der das Album – man nannte es damals »Stammbuch« – von seinem Vater geerbt hatte.

Die Einträge in diesem Stammbuch, dessen Original heute in der Berliner Staatsbibliothek liegt, sind nicht nur ein Spiegel der illustren Salon-Gesellschaft des Hauses Beer, sie sind zugleich ein Dokument der sonst wenig bekannten verwandtschaftlichen Beziehungen der Hofjuweliersfamilie Ephraim mit der Familie Beer / Meyerbeer.

Portrait Moritz Ebers (Meier Moses Ephraim)
Portrait Moritz Ebers (geb. als Meyer Moses Ephraim), Ölgemälde (wahrscheinlich von Johannes C. H. Kretschmar), Privatbesitz, Foto: Ulrich Worbs (Mit freundlicher Genehmigung von Karin Ebers-Schultz)

 

Man trifft hier auf eine Gesellschaft im Ringen zwischen jüdischer Tradition und europäisch-christlicher Kultur, bei der die letztere schon weitgehend den Sieg davongetragen hat, wofür gerade der Eintrag eines Textes von Moses Mendelssohn durch dessen Schüler und Generaldeputierten des preußischen Judentums David Friedländer zeugt.

Die Widmungstexte sind Indiz für die Bildungsstandards dieser Gesellschaft, in der fundierte humanistische Bildung auf die Kultur der französischen Kolonie und das bunte Vielerlei der Musik- und Theaterleute trifft, aber auch auf die bürgerliche Halbkultur der anthologischen Gebrauchsliteratur, sowie Ansätze eines romantischen Individualismus.

Den gesamten Beitrag lesen (PDF)


Gomperz, Ephraim, Itzig – Erfolg und Bedrückung der »Hofjuden« Friedrichs II.

Soirée mit Vortrag, Lesung, Musik und Gespräch
Am 11. März 2020 um 19 Uhr
Märkisches Museum Berlin, Hoffmannsaal
Am Köllnischen Park 5, 10179 Berlin
Eintritt frei

Der Aufstieg Preußens zur europäischen Großmacht während des 18. Jahrhunderts wäre ohne »Hofjuden« nicht möglich gewesen. Drei Familien vor allem – Gomperz, Ephraim und Itzig – stehen für das ökonomische Überleben Preußens in und nach den desaströsen Kriegen der friderizianischen Ära.

Nolens volens stiegen dabei Veitel Ephraim und Daniel Itzig zu den reichsten Unternehmern in Preußen auf. Ihre repräsentativen Familiensitze, das Ephraim-Palais (fertig gestellt 1766) und das Palais Itzig (abgerissen 1857), zeugten im Zentrum Berlins von dieser außerordentlichen wirtschaftlichen wie sozialen Karriere einzelner Vertreter der jüdischen Minderheit.

Der Abend mit einem Vortrag von Prof. Dr. Thomas Brechenmacher, Professor für neuere Geschichte (deutsch-jüdische Geschichte), Universität Potsdam, stellt die Frage nach den Gründen und Bedingungen dieser Erfolgsgeschichte und versucht, die Gratwanderung herauszuarbeiten, die jene Unternehmer zu meistern hatten. Denn ihre Existenz hing allein vom Wohlwollen des Landesherrn ab; er definierte den jeweiligen Rechtsstatus und damit die Lebensmöglichkeiten der jüdischen Familien, verbunden mit teils herber Ausbeutung. Andererseits konnten sie den ökonomischen Erfolg dank ihrer Stiftungen in Wohltätigkeit aber auch in Emanzipationsgewinne umsetzen: 1791 verlieh Friedrich Wilhelm II. Daniel Itzig als erstem Juden in Preußen das volle Bürgerrecht, Ephraim Veitel reichte 1785 beim Hof eine Denkschrift »Über die Lage der Juden in Preußen« ein.

Vortrag: Prof. Dr. Thomas Brechenmacher, Professor für neuere Geschichte (deutsch-jüdische Geschichte), Universität Potsdam
Lesungen: Lucas Wiedemann – Texte aus Literatur und Dokumenten
Musik: Die Sopranistin Andrea Chudak wird, begleitet vom Berliner Dom-Organisten Jakub Sawicki geistliche Lieder des Berliner jüdischen Komponisten Giacomo Meyerbeer (1791-1864) vortragen.


Vortrag
Thomas Brechenmacher
Gomperz, Ephraim, Itzig – Erfolg und Bedrückung der „Hofjuden“ Friedrichs II.

I. Juden und Hofjuden in Brandenburg-Preußen
Die neuere deutsch-jüdische Geschichte beginnt für die Mark Brandenburg mit einer Migration: Kurfürst Friedrich Wilhelm, nachmals genannt „der Große“, nahm 1671 fünfzig aus Wien vertriebene jüdische Familien auf und erlaubte ihnen, sich in der Mark Brandenburg zunächst für 20 Jahre anzusiedeln. Dieser vermeintliche Akt der „Toleranz“ erfolgte nicht ohne Hintergedanken: die jüdische Einwanderung sollte zum wirtschaftlichen Aufstieg des durch den Dreißigjährigen Krieg demographisch wie ökonomisch ausgebluteten Kurfürstentums beitragen. Das Einwanderungsprivileg war verbunden mit klaren Forderungen an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Aktivität der Aufgenommenen: Eigenkapital mußte vorhanden sein, schon um die jährlich fälligen Schutzgelder und Steuern zu entrichten; desgleichen war daran gedacht, die jüdischen Familien ausgedehnte internationale Handelsnetzwerke knüpfen zu lassen, um die Mark Brandenburg und Berlin etwa mit den großen Zentren Hamburg und Amsterdam zu verbinden.

Den gesamten Vortrag lesen (PDF)

Veitel Heine Ephraim, der Vater von Ephraim Veitel, präsentiert dem Kronprinzen Friedrich II zwischen 1736-1740 in Rheinsberg eine Schuldenurkunde / Abb. aus einer verschollenen Handschrift

Fotos: Matthias Reichelt

Gefördert durch die LOTTO-Stiftung Berlin

Die Veranstaltung ist eine Kooperation von Ephraim Veitel Stiftung, Stiftung Stadtmuseum Berlin, Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum und Verein der Freunde und Förderer des Stadtmuseums Berlin e.V.