Archivalie Universität

Die erste jüdische Universität in Berlin (1856)

Ein Vortrag von Prof. Dr. Karl E. Grözinger, Vorsitzender der Ephraim Veitel Stiftung, mit Lesungen und Musik - 4. Soirée der Ephraim Veitel Stiftung

  • Ort: Museum Nikolaikirche, Nikolaikirchplatz, 10178 Berlin
  • Termin: Samstag, 9. Oktober 2021, Beginn um 19.30 Uhr


Thema des Vortrags ist die Begründung der ersten jüdischen Hochschule Berlin – die 1856 von den Stiftungen der Hofjuweliersfamilie Ephraim gegründet wurde – nach universitären Kriterien, die im Blick auf Lehrkräfte und Studierende die Mutterinstitution der späteren Hochschule für die Wissenschaft des Judentums war.

Die erste jüdische Hochschule Berlins wurde 1856 von den Stiftungen der Hofjuweliersfamilie Ephraim gegründet, und zwar nachdem die Berliner Universität die Einrichtung eines Lehrstuhls oder von Dozenturen für jüdische Geschichte und Literatur ablehnte, trotz einer Finanzierungszusage der Ephraimschen Stiftungen. An der „Veitel Heine Ephraimschen Lehranstalt“ unterrichteten und studierten berühmte Gelehrte der Wissenschaft des

Vorlesungsankuendigunng in der AZ des Judenthums 1862
Abb. Vorlesungsankündigung in der Allgemeinen Zeitung des Judenthums, 9. September 1862

Judentums wie Leopold Zunz, Moritz Steinschneider, Theodor Haarbrücker, Abraham Geiger und Fürchtegott Lebrecht. Studenten der Lehranstalt wie Salomon Schechter, Claude Montefiori, Ignaz Goldziher oder Immanuel Loew wurden zu den führenden Köpfen des Judentums. Ein berühmter christlicher Student war der spätere Professor Hermann Leberecht Strack, er war der Begründer des „Institutum Judaicum“ an der Berliner Universität.

 

Thema des Vortrags ist die Begründung der ersten Berliner jüdischen Hochschule nach universitären Kriterien, die im Blick auf Lehrkräfte und Studierende die Mutterinstitution der späteren Hochschule für die Wissenschaft des Judentums war. Der Umwandlung des schon vor 1774 von Veitel Heine Ephraim gegründeten traditionellen Bet ha-Midrasch in eine akademische Einrichtung ging ein zwanzigjähriges Ringen innerhalb der Stifterfamilie voran, die zum Teil das Christentum annahm, sowie nach außen mit den preußischen Behörden, der Berliner Universität und den Gelehrten der Wissenschaft des Judentums.

Schrift aus der Bibliothek der Hochschule, Buch Josua
Abb. Schrift aus der Bibliothek der Hochschule, das Buch Josua in aufklärerischer Gestaltung

Dies wird detailreich anhand bisher kaum beachteter Quellen der ehemals preußischen Archive in Berlin und Brandenburg dargestellt. Akten aus den Archiven beschreiben die Anliegen der jüdischen Antragsteller, die Reaktionen von Universität und Ministerien und die Unsicherheiten der frisch getauften Ephraims im Ringen mit ihren dem Judentum treu gebliebenen Verwandten und Partnern. Die aus den historischen Dokumenten erkennbaren Debatten beleuchten die religiösen, kulturellen, traditionsgebundenen und modernistischen Kräfte, von welchen die damalige Berliner Judenschaft zerrissen war und aus denen schließlich Aus der Bibliothek der Hochschule, das Buch Josua in aufklärerischer Gestaltung die Scheidewege zwischen Orthodoxie, Reform und Apostasie hervorgingen.

 

 

Begleitet wird der Vortrag von musikalischen Beiträgen aus der Zeit, die zwischen dem Klesmer Michael Gusikow, Kantoralem und Stücken von Mendelssohn und Meyerbeer variieren.

Orgel: Dr. Jakub Sawicki, Dom-Organist am Berliner Dom
Gesang: Isidoro Abramowicz, Kantor und Musikdirektor der Synagoge Pestalozzistraße-Berlin, Jüdische Gemeinde zu Berlin
Lesungen: Kim Bormann, Schauspielerin

Innenansicht Museum Nikolaikirche Copyright Stadtmuseum Berlin, Foto von Michael Setzpfandt
Innenansicht des Museums Nikolaikirche, Copyright: Stadtmuseum Berlin, Foto: Michael Setzpfandt

 

 

Die Soirée findet statt im Rahmen der bundesweiten Veranstaltungsreihe „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ (#2021JLID).
Weitere Information dazu unter: https://2021jlid.de/


Titelblatt Vossischen Zeitung vom 8. April 1866, Staatsbibliothek Berlin ZEFYS

Ein Stammbuch von Giacomo Meyerbeer

Karl E. Grözinger

Eine jüdisch-christliche Gesellschaft Berlins zu Beginn des 19. Jahrhunderts
– Beer, Meyerbeer, Ephraim, Salonbesucher –

Ein Bericht in der Vossischen Zeitung vom 8. April 1866

Am Sonntag den 8. April 1866 brachte die hochangesehene Berliner Vossische Zeitung zum zweiten Todestag von Giacomo Meyerbeer einen Essay zu einem sehr intimen Familiendokument des gefeierten jüdischen Berliner Pianisten, Komponisten und Generalmusikdirektors Meyer Beer.

 

Giacomo Meyerbeer_Ölgemälde_von_Karl Schmidt_1832_Stadtmuseum Berlin
Portrait Giacomo Meyerbeer, Ölgemälde von Karl Schmidt, 1832, Stadtmuseum Berlin

Es ist das Poesiealbum des damals Neunzehnjährigen, das ihm Freunde und Verwandte aus Anlass seiner Abreise aus Berlin am 1. April 1810 schrieben. Der Verfasser des Zeitungs-Artikels ist der Sohn eines Cousins von Meyerbeer, der bekannte Arzt, Begründer und Generalsekretär des 1865 ins Leben gerufenen Vereins für die Geschichte Berlins, Dr. Julius Beer, der das Album – man nannte es damals »Stammbuch« – von seinem Vater geerbt hatte.

Die Einträge in diesem Stammbuch, dessen Original heute in der Berliner Staatsbibliothek liegt, sind nicht nur ein Spiegel der illustren Salon-Gesellschaft des Hauses Beer, sie sind zugleich ein Dokument der sonst wenig bekannten verwandtschaftlichen Beziehungen der Hofjuweliersfamilie Ephraim mit der Familie Beer / Meyerbeer.

Portrait Moritz Ebers (Meier Moses Ephraim)
Portrait Moritz Ebers (geb. als Meyer Moses Ephraim), Ölgemälde (wahrscheinlich von Johannes C. H. Kretschmar), Privatbesitz, Foto: Ulrich Worbs (Mit freundlicher Genehmigung von Karin Ebers-Schultz)

 

Man trifft hier auf eine Gesellschaft im Ringen zwischen jüdischer Tradition und europäisch-christlicher Kultur, bei der die letztere schon weitgehend den Sieg davongetragen hat, wofür gerade der Eintrag eines Textes von Moses Mendelssohn durch dessen Schüler und Generaldeputierten des preußischen Judentums David Friedländer zeugt.

Die Widmungstexte sind Indiz für die Bildungsstandards dieser Gesellschaft, in der fundierte humanistische Bildung auf die Kultur der französischen Kolonie und das bunte Vielerlei der Musik- und Theaterleute trifft, aber auch auf die bürgerliche Halbkultur der anthologischen Gebrauchsliteratur, sowie Ansätze eines romantischen Individualismus.

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