Moses_Mendelssohn_1771_nach-Anton-Graff-by-James-Steakley

Vorschau: "Der Philosoph Moses Mendelssohn aus Berlin"

5. Soirée mit Vortrag, Lesung, Musik und Gespräch
Am 02. Juni 2022, 19.00-21.30 Uhr
Location:
zlb, Berlin-Saal
Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Breite Str. 36, 10178 Berlin
Eintritt frei

Stephen Tree unternimmt in seinem Vortrag eine Zeitreise in Mendelssohns Berlin mit Originaldokumenten und Textausschnitten – umrahmt und begleitet von der Musik der Epoche sowie der nachgeborenen musikalischen Enkelkinder Mendelssohns, Fanny und Felix.


Vortrag
Stephen Tree
Der Philosoph in der Großstadt: »Moses Mendelssohn aus Berlin«

Der Sage nach ist er kurz nach der Barmizwa, mit vierzehn Jahren, als armer »Bocher« und Bettelstudent zu Fuß in die Großstadt gewandert, in der er sein ganzes erwachsenes Leben verbringen sollte, wo er, wie auf seinem Grabstein vermerkt, als »Chochem«, als der Weise, »Reb Mausche Dessau« begraben wurde, oder, wie ihn die Königlich-preußische Akademie nach Mendelssohns Gewinn ihres philosophischen Preisausschreibens mit seinem selbst gewählten Nachnamen (und zunächst nur einem »S«) bezeichnet hat: »Moses Mendelsohn aus Berlin«.

 

Moses_Mendelssohn_in_Potsdam_1792
Moses Mendelssohn in Potsdam, 1792

Eine Stadt, die damals unter seinem »gnädigen König« Friedrich II. auf kulturellem Gebiet denselben europäischen Rang zu erobern versuchte, wie dies Preußen gerade mit militärischen Mitteln tat, und zu deren Ruhm er als »fameux juif«, als der »berühmte Moses Mendelssohn« – so ein an ihn gerichtetes königlich-preußisches Sendschreiben – ebenso beigetragen hat wie als Geschäftsführer einer florierenden Seidenmanufaktur zu ihrer Wirtschaftskraft. Eine Stadt, in der er zugleich den eigenen halbwegs gesicherten Aufenthaltsstatus (III. Klasse, nicht an Frau und Kinder vererbbar) nur den wiederholten Bemühungen des freigeistigen Denkers und königlichen Günstlings Marquis D’Argens zu verdanken hatte, und, wie mehrfach bezeugt, jederzeit judenfeindlichen Pöbeleien und Beschimpfungen ausgesetzt war.

Eine Zeitreise in Mendelssohns Berlin mit Originaldokumenten und Textausschnitten – umrahmt und begleitet von der Musik der Epoche sowie seiner nachgeborenen musikalischen Enkelkinder Fanny und Felix.

Fromet_Mendelssohn_geb_Guggenheim
Fromet Mendelssohn, geb. Guggenheim

Vortrag: Stephen Tree
Klavier: Prof. Dr. Jascha Nemtsov
Lesungen: Claus-Dieter Fröhlich

Im Anschluss an den Vortrag laden wir unsere Gäste noch ein zum Gespräch bei Wein und Brezeln.

Bitte beachten Sie die aktuellen Nutzungsbedingungen am Veranstaltungsort unter www.zlb.de/info


Hinweis: Während der Veranstaltung werden Bildaufnahmen für die Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung angefertigt werden.
Durch die Teilnahme an der Veranstaltung erklären Sie sich mit der Erstellung und möglichen Veröffentlichung von Bildmaterial auf dem Sie zu sehen sind, einverstanden.


Gefördert durch die Lotto Stiftung Berlin


Felix Mendelssohn Bartholdys, 1846, Ölgemälde von Eduard Magnus (1799—1872), Staatsbibliothek zu Berlin

Vorschau: »Zwischen Bach und Klesmer: Die Familie Mendelssohn und das jüdische Musikleben im Berlin der 1830er Jahre«

Musik-Werkstatt mit Konzert und Gespräch

Neuer Termin: Sonntag 12. Juni 2022!
16.00-18.00 und 19.00-21.00 Uhr

Location:
Alexander und Renata Camaro Stiftung, Berlin
Potsdamer Straße 98A, 10785 Berlin
Eintritt frei, Voranmeldung bitte per Email an: ephraim-veitel-stiftung@ephraim-veitel-stiftung.de


Die Musik-Werkstatt wird gestaltet von Prof. Dr. Jascha Nemtsov, Professor für die Geschichte der jüdischen Musik an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar und Konzertpianist und Nur Ben Shalom, Klarinettist.

»Er ist ein wahres Phänomen; – ein Mordskerl, der an Vortrag und Fertigkeit keinem Virtuosen der Welt nachzustehen braucht… Übrigens habe ich mich seit langer Zeit in einem Concert nicht so unterhalten, wie in diesem, weil er eben ein wahres Genie ist.« Die enthusiastischen Worte Felix Mendelssohns an seine Mutter sind insofern außergewöhnlich, als sie einem Volksmusikanten gelten, der keine Musikausbildung genoss und nicht einmal die Noten kannte: Michael Joseph Gusikow (1806–1837) war ein jüdischer Klesmer, der 1835 nach Westeuropa kam. Durch Mendelssohns Vermittlung wurde damals Gusikows Gastspiel in Berlin organisiert.

Der Workshop und das anschließende Konzert thematisieren außerdem mehrere weitere Aspekte der Berliner jüdischen Musikkultur jener Zeit, die alle mit der Familie Mendelssohn verknüpft waren. Es geht nicht zuletzt um den Bach-Kult, der in der Familie Mendelssohn von Sara Levy, geb. Itzig (1761–1854), einer Schülerin von W.F. Bach, begründet wurde, aber auch um die neue jüdische Synagogenmusik und deren Protagonisten Louis Lewandowski (1821–1894), der als junger Mensch von Alexander Mendelssohn unterstützt wurde. Schließlich werden die Fragen der jüdisch-deutschen bzw. jüdisch-christlichen Identität der Familie Mendelssohn diskutiert.

 

Porträt Sara Itzig Levy, Zeichnung von Anton Graff (1786) aus: Otto Waser, "Anton Graff von Winterthur: Bildnisse des Meisters", Winterthur Kunstverein, 1903.
Porträt Sara Itzig Levy, Zeichnung von Anton Graff (1786)
aus: Otto Waser, „Anton Graff von Winterthur: Bildnisse des Meisters“, Winterthur Kunstverein, 1903.

Porträt Louis Lewandowski, Fotografie, undatiert
Porträt Louis Lewandowski, Fotografie, undatiert

Porträt Joseph Gusikow, Lithographie von Josef Kriehuber 1836 ( Albertina Wien), nach einem Bild von Eustache Choinski
Porträt Joseph Gusikow, Lithographie von Josef Kriehuber 1836 ( Albertina Wien), nach einem Bild von Eustache Choinski

 

 

 

 

 

Die Veranstaltung ist gegliedert in zwei Sitzungen, die erste von 16-18 Uhr, die zweite von 19-21 Uhr, dazwischen eine einstündige Pause von 18-19 Uhr. In den Pausen werden Getränke, Snacks und Gebäck angeboten.

Die Veranstaltung ist öffentlich und findet mit Voranmeldung statt.


Gefördert durch die Lotto Stiftung Berlin


Archivalie Universität

Die erste jüdische Universität in Berlin (1856)

Ein Vortrag von Prof. Dr. Karl E. Grözinger, Vorsitzender der Ephraim Veitel Stiftung, mit Lesungen und Musik - 4. Soirée der Ephraim Veitel Stiftung

  • Ort: Museum Nikolaikirche, Nikolaikirchplatz, 10178 Berlin
  • Termin: Samstag, 9. Oktober 2021


Die erste jüdische Hochschule Berlins wurde 1856 von den Stiftungen der Hofjuweliersfamilie Ephraim gegründet, und zwar nachdem die Berliner Universität die Einrichtung eines Lehrstuhls oder von Dozenturen für jüdische Geschichte und Literatur ablehnte, trotz einer Finanzierungszusage der Ephraimschen Stiftungen. An der „Veitel Heine Ephraimschen Lehranstalt“ unterrichteten und studierten berühmte Gelehrte der Wissenschaft des

Vorlesungsankuendigunng in der AZ des Judenthums 1862
Abb. Vorlesungsankündigung in der Allgemeinen Zeitung des Judenthums, 9. September 1862

Judentums wie Leopold Zunz, Moritz Steinschneider, Theodor Haarbrücker, Abraham Geiger und Fürchtegott Lebrecht. Studenten der Lehranstalt wie Salomon Schechter, Claude Montefiori, Ignaz Goldziher oder Immanuel Loew wurden zu den führenden Köpfen des Judentums. Ein berühmter christlicher Student war der spätere Professor Hermann Leberecht Strack, er war der Begründer des „Institutum Judaicum“ an der Berliner Universität.

 

Thema des Vortrags ist die Begründung der ersten Berliner jüdischen Hochschule nach universitären Kriterien, die im Blick auf Lehrkräfte und Studierende die Mutterinstitution der späteren Hochschule für die Wissenschaft des Judentums war. Der Umwandlung des schon vor 1774 von Veitel Heine Ephraim gegründeten traditionellen Bet ha-Midrasch in eine akademische Einrichtung ging ein zwanzigjähriges Ringen innerhalb der Stifterfamilie voran, die zum Teil das Christentum annahm, sowie nach außen mit den preußischen Behörden, der Berliner Universität und den Gelehrten der Wissenschaft des Judentums.

Dies wird detailreich anhand bisher kaum beachteter Quellen der ehemals preußischen Archive in Berlin und Brandenburg dargestellt. Akten aus den Archiven beschreiben die Anliegen der jüdischen Antragsteller, die Reaktionen von Universität und Ministerien und die Unsicherheiten der frisch getauften Ephraims im Ringen mit ihren dem Judentum treu gebliebenen Verwandten und Partnern. Die aus den historischen Dokumenten erkennbaren Debatten beleuchten die religiösen, kulturellen, traditionsgebundenen und modernistischen Kräfte, von welchen die damalige Berliner Judenschaft zerrissen war und aus denen schließlich die Scheidewege zwischen Orthodoxie, Reform und Apostasie hervorgingen.

Begleitet wurde der Vortrag von musikalischen Beiträgen aus der Zeit, die zwischen dem Klesmer Michael Gusikow, Kantoralem und Stücken von Mendelssohn und Meyerbeer variieren.

Orgel: Dr. Jakub Sawicki, Dom-Organist am Berliner Dom
Gesang: Isidoro Abramowicz, Kantor und Musikdirektor der Synagoge Pestalozzistraße-Berlin, Jüdische Gemeinde zu Berlin
Lesungen: Kim Bormann, Schauspielerin


Vortrag
Prof. Dr. Karl E. Grözinger
Die erste jüdische Universität in Berlin (1856)

Thema des Vortrags ist die Begründung der ersten jüdischen Hochschule Berlin – die 1856 von den Stiftungen der Hofjuweliersfamilie Ephraim gegründet wurde – nach universitären Kriterien, die im Blick auf Lehrkräfte und Studierende die Mutterinstitution der späteren Hochschule für die Wissenschaft des Judentums war.

Den gesamten Vortrag lesen (PDF)

         Fotos: Matthias Reichelt


 

Die Soirée fand statt im Rahmen der bundesweiten Veranstaltungsreihe „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ (#2021JLID).
Weitere Information dazu unter: https://2021jlid.de/


Titelblatt Vossischen Zeitung vom 8. April 1866, Staatsbibliothek Berlin ZEFYS

Ein Stammbuch von Giacomo Meyerbeer

Karl E. Grözinger

Eine jüdisch-christliche Gesellschaft Berlins zu Beginn des 19. Jahrhunderts
– Beer, Meyerbeer, Ephraim, Salonbesucher –

Ein Bericht in der Vossischen Zeitung vom 8. April 1866

Am Sonntag den 8. April 1866 brachte die hochangesehene Berliner Vossische Zeitung zum zweiten Todestag von Giacomo Meyerbeer einen Essay zu einem sehr intimen Familiendokument des gefeierten jüdischen Berliner Pianisten, Komponisten und Generalmusikdirektors Meyer Beer.

 

Giacomo Meyerbeer_Ölgemälde_von_Karl Schmidt_1832_Stadtmuseum Berlin
Portrait Giacomo Meyerbeer, Ölgemälde von Karl Schmidt, 1832, Stadtmuseum Berlin

Es ist das Poesiealbum des damals Neunzehnjährigen, das ihm Freunde und Verwandte aus Anlass seiner Abreise aus Berlin am 1. April 1810 schrieben. Der Verfasser des Zeitungs-Artikels ist der Sohn eines Cousins von Meyerbeer, der bekannte Arzt, Begründer und Generalsekretär des 1865 ins Leben gerufenen Vereins für die Geschichte Berlins, Dr. Julius Beer, der das Album – man nannte es damals »Stammbuch« – von seinem Vater geerbt hatte.

Die Einträge in diesem Stammbuch, dessen Original heute in der Berliner Staatsbibliothek liegt, sind nicht nur ein Spiegel der illustren Salon-Gesellschaft des Hauses Beer, sie sind zugleich ein Dokument der sonst wenig bekannten verwandtschaftlichen Beziehungen der Hofjuweliersfamilie Ephraim mit der Familie Beer / Meyerbeer.

Portrait Moritz Ebers (Meier Moses Ephraim)
Portrait Moritz Ebers (geb. als Meyer Moses Ephraim), Ölgemälde (wahrscheinlich von Johannes C. H. Kretschmar), Privatbesitz, Foto: Ulrich Worbs (Mit freundlicher Genehmigung von Karin Ebers-Schultz)

 

Man trifft hier auf eine Gesellschaft im Ringen zwischen jüdischer Tradition und europäisch-christlicher Kultur, bei der die letztere schon weitgehend den Sieg davongetragen hat, wofür gerade der Eintrag eines Textes von Moses Mendelssohn durch dessen Schüler und Generaldeputierten des preußischen Judentums David Friedländer zeugt.

Die Widmungstexte sind Indiz für die Bildungsstandards dieser Gesellschaft, in der fundierte humanistische Bildung auf die Kultur der französischen Kolonie und das bunte Vielerlei der Musik- und Theaterleute trifft, aber auch auf die bürgerliche Halbkultur der anthologischen Gebrauchsliteratur, sowie Ansätze eines romantischen Individualismus.

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