Lesser Ury: Bildnis Abraham Geiger, um 1905, Pastell auf Pappe, Abb. gemeinfrei (http://www.zeno.org/nid/20004346084)

»Leopold Zunz und Abraham Geiger als Vorkämpfer für die Reform des jüdischen Gottesdienstes«

Soirée mit Vortrag, Lesung, Musik und Gespräch
Am 22. November 2022, von 19.00 - 21.30 Uhr
Location
zlb, Berlin-Saal
Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Breite Str. 36, 10178 Berlin
Eintritt frei

In der kommenden Veranstaltung im Herbst wird Dr. Klaus Herrmann (Freie Universität Berlin, Institut für Judaistik) einen Vortrag halten zum Thema »Reform und Wissenschaft im Judentum des 19. Jahrhunderts. Leopold Zunz und Abraham Geiger als Vorkämpfer für die Reform des jüdischen Gottesdienstes«.

Die Anfänge der jüdischen Reformbewegung und das Aufkommen der Wissenschaft des Judentums stehen in einem engen inneren Zusammenhang, sind doch ihre Protagonisten weithin identisch. Auch wenn die Tätigkeit von Leopold Zunz (1794-1886), dem eigentlichen Begründer der Wissenschaft des Judentums, als Prediger am Beerschen Reformtempel in Berlin und damit seine aktive Rolle in der Reformbewegung eine recht kurze Zeitspanne umfasste, so hat er doch zeit seines Lebens die Modernisierung der religiösen Praxis, gerade auch wie sie von Abraham Geiger (1810-1874), dem wohl bedeutendsten Reformrabbiner des 19. Jahrhunderts, vertreten wurde, kritisch begleitet.

Portrait Leopold Zunz, vermutlich von Moritz Daniel Oppenheim, gemeinfrei (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=494741)
Portrait Leopold Zunz, vermutlich von Moritz Daniel Oppenheim, gemeinfrei (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=494741)

Im dem hier angekündigten Vortrag soll es jedoch weniger um die Wissenschaft des Judentums als solcher oder um bestimmte Aspekte von Zunzens und Geigers ausgesprochen vielseitigen wissenschaftlichen Tätigkeiten gehen als vielmehr darum, dass die jüdische Reformbewegung sowie die Wissenschaft des Judentums im Kontext protestantischer Mehrheitskulturen entstanden sind.
Auch die Biographien von Zunz und Geiger stehen in diesem Spannungsfeld zwischen der Anziehungskraft der protestantisch geprägten Mehrheitskultur und ihrem Antagonismus gegen den Geltungsanspruch dieser Leitkultur, wobei sich dieses Spannungsfeld seinerseits in heftigen, zwischen Zunz und Geiger geführten Kontroversen über Wissenschaft und Reform im Judentum entladen konnte. Für den Vortrag werden daher auch die Lebenserinnerungen, die Privatkorrespondenzen sowie wenig beachtete und zum Teil noch unedierte Archivalien Berücksichtigung finden, die in nuce die inneren Konflikte um die Neudefinition jüdischer Identität in der Moderne zeigen und bisweilen einen starken Anpassungsdruck an die protestantische Mehrheitskultur zum Ausdruck bringen. Die Familiengeschichte der Ephraims in Berlin lässt nur zu gut erkennen, wie sehr dieser Anpassungsdruck als Konversionsdruck wirken konnte.

Lesser Ury: Bildnis Abraham Geiger, um 1905, Pastell auf Pappe, Abb. gemeinfrei (http://www.zeno.org/nid/20004346084)
Lesser Ury: Bildnis Abraham Geiger, um 1905, Pastell auf Pappe, Abb. gemeinfrei
(http://www.zeno.org/nid/20004346084)

Im Blick auf die Reform geht es in dem Vortrag vor allem um jüdische Gebetbücher, Predigten, jüdische Konfirmationen für Jungen und Mädchen, Katechismen und, nicht zuletzt, um Orgel und Chorgesang. Für die musikalische Modernisierung des jüdischen Gottesdienstes im 19. Jahrhundert stehen vor allem die Namen der großen jüdischen Komponisten Salomon Sulzer (1804-1890) in Wien und Louis Lewandowski (1821-1894) in Berlin, die die synagogale Musik bis heute in entscheidender Weise geprägt haben. Doch als die Reform in Seesen im Jahre 1810 begann, gefolgt von Berlin (1815) und Hamburg (1817), war Lewandowski noch nicht geboren und Sulzer gerade einmal sechs Jahre alt. Die Neuorientierung des synagogalen Gesangs an protestantischen Chorälen in der Frühphase der Reform sowie die von Sulzer und Lewandowski forcierte Rückkehr zur traditionellen, wenngleich dem europäischen Zeitgeschmack angepassten Synagogalmusik wird diesen Vortrag musikalisch umrahmen.

 

Vortrag: Dr. Klaus Herrmann, Freie Universität Berlin, Institut für Judaistik
Lesungen: Claus-Dieter Fröhlich
Musik: Alte und neue Aufnahmen auf Schallplatte und CD


Gefördert durch die Lotto Stiftung Berlin


Felix Mendelssohn Bartholdys, 1846, Ölgemälde von Eduard Magnus (1799—1872), Staatsbibliothek zu Berlin

»Zwischen Bach und Klesmer: Die Familie Mendelssohn und das jüdische Musikleben im Berlin der 1830er Jahre«

Musik-Werkstatt mit Konzert und Gespräch

Sonntag 12. Juni 2022
16.00-18.00 und 19.00-21.00 Uhr

Location:
Alexander und Renata Camaro Stiftung, Berlin
Potsdamer Straße 98A, 10785 Berlin
Eintritt frei


Jascha Nemtsov, Klavier, Vortrag und Moderation
Nur Ben Shalom, Klarinette

»Er ist ein wahres Phänomen; – ein Mordskerl, der an Vortrag und Fertigkeit keinem Virtuosen der Welt nachzustehen braucht… Übrigens habe ich mich seit langer Zeit in einem Concert nicht so unterhalten, wie in diesem, weil er eben ein wahres Genie ist«. Die enthusiastischen Worte Felix Mendelssohns an seine Mutter sind insofern außergewöhnlich, als sie einem Volksmusikanten gelten, der keine Musikausbildung genoss und nicht einmal die Noten kannte: Michael Joseph Gusikow (1806–1837) war ein jüdischer Klezmer, der 1835 nach Westeuropa kam. Durch Mendelssohns Vermittlung wurde damals Gusikows Gastspiel in Berlin organisiert.

Der Workshop und das anschließende Konzert thematisierten außerdem mehrere weitere Aspekte der Berliner jüdischen Musikkultur jener Zeit, die alle mit der Familie Mendelssohn verknüpft waren. Es ging nicht zuletzt um den Bach-Kult, der in der Familie Mendelssohn von Sara Levy, geb. Itzig (1761–1854), einer Schülerin von W.F. Bach, begründet wurde, aber auch um die neue jüdische Synagogenmusik und deren Protagonisten Louis Lewandowski (1821–1894), der als junger Mensch von Alexander Mendelssohn unterstützt wurde. Schließlich wurden die Fragen der jüdisch-deutschen bzw. jüdisch-christlichen Identität der Familie Mendelssohn diskutiert.


Fotos: Matthias Reichelt


Gefördert durch die Lotto Stiftung Berlin


Moses_Mendelssohn_1771_nach-Anton-Graff-by-James-Steakley

Der Philosoph Moses Mendelssohn aus Berlin

5. Soirée mit Vortrag, Lesung, Musik und Gespräch
Am 02. Juni 2022, 19.00-21.30 Uhr
Location:
zlb, Berlin-Saal
Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Breite Str. 36, 10178 Berlin
Eintritt frei

Vortrag
Stephen Tree
Der Philosoph in der Großstadt: »Moses Mendelssohn aus Berlin«

Der Sage nach ist er kurz nach der Barmizwa, mit vierzehn Jahren, als armer »Bocher« und Bettelstudent zu Fuß in die Großstadt gewandert, in der er sein ganzes erwachsenes Leben verbringen sollte, wo er, wie auf seinem Grabstein vermerkt, als »Chochem«, als der Weise, »Reb Mausche Dessau« begraben wurde, oder, wie ihn die Königlich-preußische Akademie nach Mendelssohns Gewinn ihres philosophischen Preisausschreibens mit seinem selbst gewählten Nachnamen (und zunächst nur einem »S«) bezeichnet hat: »Moses Mendelsohn aus Berlin«.

 

Moses_Mendelssohn_in_Potsdam_1792
Moses Mendelssohn in Potsdam, 1792

Eine Stadt, die damals unter seinem »gnädigen König« Friedrich II. auf kulturellem Gebiet denselben europäischen Rang zu erobern versuchte, wie dies Preußen gerade mit militärischen Mitteln tat, und zu deren Ruhm er als »fameux juif«, als der »berühmte Moses Mendelssohn« – so ein an ihn gerichtetes königlich-preußisches Sendschreiben – ebenso beigetragen hat wie als Geschäftsführer einer florierenden Seidenmanufaktur zu ihrer Wirtschaftskraft. Eine Stadt, in der er zugleich den eigenen halbwegs gesicherten Aufenthaltsstatus (III. Klasse, nicht an Frau und Kinder vererbbar) nur den wiederholten Bemühungen des freigeistigen Denkers und königlichen Günstlings Marquis D’Argens zu verdanken hatte, und, wie mehrfach bezeugt, jederzeit judenfeindlichen Pöbeleien und Beschimpfungen ausgesetzt war.

Eine Zeitreise in Mendelssohns Berlin mit Originaldokumenten und Textausschnitten – umrahmt und begleitet von der Musik der Epoche sowie seiner nachgeborenen musikalischen Enkelkinder Fanny und Felix.

Vortrag: Stephen Tree
Klavier: Jascha Nemtsov
Lesungen: Claus-Dieter Fröhlich

Den gesamten Vortrag lesen (PDF)

Fotos: Matthias Reichelt


Gefördert durch die Lotto Stiftung Berlin


Archivalie Universität

Die erste jüdische Universität in Berlin (1856)

Ein Vortrag von Prof. Dr. Karl E. Grözinger, Vorsitzender der Ephraim Veitel Stiftung, mit Lesungen und Musik - 4. Soirée der Ephraim Veitel Stiftung

  • Ort: Museum Nikolaikirche, Nikolaikirchplatz, 10178 Berlin
  • Termin: Samstag, 9. Oktober 2021


Die erste jüdische Hochschule Berlins wurde 1856 von den Stiftungen der Hofjuweliersfamilie Ephraim gegründet, und zwar nachdem die Berliner Universität die Einrichtung eines Lehrstuhls oder von Dozenturen für jüdische Geschichte und Literatur ablehnte, trotz einer Finanzierungszusage der Ephraimschen Stiftungen. An der „Veitel Heine Ephraimschen Lehranstalt“ unterrichteten und studierten berühmte Gelehrte der Wissenschaft des

Vorlesungsankuendigunng in der AZ des Judenthums 1862
Abb. Vorlesungsankündigung in der Allgemeinen Zeitung des Judenthums, 9. September 1862

Judentums wie Leopold Zunz, Moritz Steinschneider, Theodor Haarbrücker, Abraham Geiger und Fürchtegott Lebrecht. Studenten der Lehranstalt wie Salomon Schechter, Claude Montefiori, Ignaz Goldziher oder Immanuel Loew wurden zu den führenden Köpfen des Judentums. Ein berühmter christlicher Student war der spätere Professor Hermann Leberecht Strack, er war der Begründer des „Institutum Judaicum“ an der Berliner Universität.

 

Thema des Vortrags ist die Begründung der ersten Berliner jüdischen Hochschule nach universitären Kriterien, die im Blick auf Lehrkräfte und Studierende die Mutterinstitution der späteren Hochschule für die Wissenschaft des Judentums war. Der Umwandlung des schon vor 1774 von Veitel Heine Ephraim gegründeten traditionellen Bet ha-Midrasch in eine akademische Einrichtung ging ein zwanzigjähriges Ringen innerhalb der Stifterfamilie voran, die zum Teil das Christentum annahm, sowie nach außen mit den preußischen Behörden, der Berliner Universität und den Gelehrten der Wissenschaft des Judentums.

Dies wird detailreich anhand bisher kaum beachteter Quellen der ehemals preußischen Archive in Berlin und Brandenburg dargestellt. Akten aus den Archiven beschreiben die Anliegen der jüdischen Antragsteller, die Reaktionen von Universität und Ministerien und die Unsicherheiten der frisch getauften Ephraims im Ringen mit ihren dem Judentum treu gebliebenen Verwandten und Partnern. Die aus den historischen Dokumenten erkennbaren Debatten beleuchten die religiösen, kulturellen, traditionsgebundenen und modernistischen Kräfte, von welchen die damalige Berliner Judenschaft zerrissen war und aus denen schließlich die Scheidewege zwischen Orthodoxie, Reform und Apostasie hervorgingen.

Begleitet wurde der Vortrag von musikalischen Beiträgen aus der Zeit, die zwischen dem Klesmer Michael Gusikow, Kantoralem und Stücken von Mendelssohn und Meyerbeer variieren.

Orgel: Dr. Jakub Sawicki, Dom-Organist am Berliner Dom
Gesang: Isidoro Abramowicz, Kantor und Musikdirektor der Synagoge Pestalozzistraße-Berlin, Jüdische Gemeinde zu Berlin
Lesungen: Kim Bormann, Schauspielerin


Vortrag
Prof. Dr. Karl E. Grözinger
Die erste jüdische Universität in Berlin (1856)

Thema des Vortrags ist die Begründung der ersten jüdischen Hochschule Berlin – die 1856 von den Stiftungen der Hofjuweliersfamilie Ephraim gegründet wurde – nach universitären Kriterien, die im Blick auf Lehrkräfte und Studierende die Mutterinstitution der späteren Hochschule für die Wissenschaft des Judentums war.

Den gesamten Vortrag lesen (PDF)

         Fotos: Matthias Reichelt


 

Die Soirée fand statt im Rahmen der bundesweiten Veranstaltungsreihe „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ (#2021JLID).
Weitere Information dazu unter: https://2021jlid.de/


Gomperz, Ephraim, Itzig – Erfolg und Bedrückung der »Hofjuden« Friedrichs II.

Soirée mit Vortrag, Lesung, Musik und Gespräch
Am 11. März 2020 um 19 Uhr
Märkisches Museum Berlin, Hoffmannsaal
Am Köllnischen Park 5, 10179 Berlin
Eintritt frei

Der Aufstieg Preußens zur europäischen Großmacht während des 18. Jahrhunderts wäre ohne »Hofjuden« nicht möglich gewesen. Drei Familien vor allem – Gomperz, Ephraim und Itzig – stehen für das ökonomische Überleben Preußens in und nach den desaströsen Kriegen der friderizianischen Ära.

Nolens volens stiegen dabei Veitel Ephraim und Daniel Itzig zu den reichsten Unternehmern in Preußen auf. Ihre repräsentativen Familiensitze, das Ephraim-Palais (fertig gestellt 1766) und das Palais Itzig (abgerissen 1857), zeugten im Zentrum Berlins von dieser außerordentlichen wirtschaftlichen wie sozialen Karriere einzelner Vertreter der jüdischen Minderheit.

Der Abend mit einem Vortrag von Prof. Dr. Thomas Brechenmacher, Professor für neuere Geschichte (deutsch-jüdische Geschichte), Universität Potsdam, stellt die Frage nach den Gründen und Bedingungen dieser Erfolgsgeschichte und versucht, die Gratwanderung herauszuarbeiten, die jene Unternehmer zu meistern hatten. Denn ihre Existenz hing allein vom Wohlwollen des Landesherrn ab; er definierte den jeweiligen Rechtsstatus und damit die Lebensmöglichkeiten der jüdischen Familien, verbunden mit teils herber Ausbeutung. Andererseits konnten sie den ökonomischen Erfolg dank ihrer Stiftungen in Wohltätigkeit aber auch in Emanzipationsgewinne umsetzen: 1791 verlieh Friedrich Wilhelm II. Daniel Itzig als erstem Juden in Preußen das volle Bürgerrecht, Ephraim Veitel reichte 1785 beim Hof eine Denkschrift »Über die Lage der Juden in Preußen« ein.

Vortrag: Prof. Dr. Thomas Brechenmacher, Professor für neuere Geschichte (deutsch-jüdische Geschichte), Universität Potsdam
Lesungen: Lucas Wiedemann – Texte aus Literatur und Dokumenten
Musik: Die Sopranistin Andrea Chudak wird, begleitet vom Berliner Dom-Organisten Jakub Sawicki geistliche Lieder des Berliner jüdischen Komponisten Giacomo Meyerbeer (1791-1864) vortragen.


Vortrag
Thomas Brechenmacher
Gomperz, Ephraim, Itzig – Erfolg und Bedrückung der „Hofjuden“ Friedrichs II.

I. Juden und Hofjuden in Brandenburg-Preußen
Die neuere deutsch-jüdische Geschichte beginnt für die Mark Brandenburg mit einer Migration: Kurfürst Friedrich Wilhelm, nachmals genannt „der Große“, nahm 1671 fünfzig aus Wien vertriebene jüdische Familien auf und erlaubte ihnen, sich in der Mark Brandenburg zunächst für 20 Jahre anzusiedeln. Dieser vermeintliche Akt der „Toleranz“ erfolgte nicht ohne Hintergedanken: die jüdische Einwanderung sollte zum wirtschaftlichen Aufstieg des durch den Dreißigjährigen Krieg demographisch wie ökonomisch ausgebluteten Kurfürstentums beitragen. Das Einwanderungsprivileg war verbunden mit klaren Forderungen an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Aktivität der Aufgenommenen: Eigenkapital mußte vorhanden sein, schon um die jährlich fälligen Schutzgelder und Steuern zu entrichten; desgleichen war daran gedacht, die jüdischen Familien ausgedehnte internationale Handelsnetzwerke knüpfen zu lassen, um die Mark Brandenburg und Berlin etwa mit den großen Zentren Hamburg und Amsterdam zu verbinden.

Den gesamten Vortrag lesen (PDF)

Veitel Heine Ephraim, der Vater von Ephraim Veitel, präsentiert dem Kronprinzen Friedrich II zwischen 1736-1740 in Rheinsberg eine Schuldenurkunde / Abb. aus einer verschollenen Handschrift

Fotos: Matthias Reichelt

Gefördert durch die LOTTO-Stiftung Berlin

Die Veranstaltung ist eine Kooperation von Ephraim Veitel Stiftung, Stiftung Stadtmuseum Berlin, Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum und Verein der Freunde und Förderer des Stadtmuseums Berlin e.V.


Theodor Fontane und die protestantischen Juden

Soirée mit Vortrag, Lesung, Musik und Gespräch
Am 1. Oktober 2019 um 19.30 Uhr
Märkisches Museum Berlin, Hoffmannsaal
Am Köllnischen Park 5, 10179 Berlin
Eintritt frei

Theodor Fontane (1819-1898), dessen Geburtstag sich im Dezember 2019 zum 200. Mal jährte, lernte bei seinen Aufenthalten im Riesengebirge die Familie Friedlaender kennen sowie die Familie Eberty, Nachkommen des Berliner Hofjuweliers und Bankiers Veitel Heine Ephraim. Sie hatten in der Hoffnung auf Erfolg und unter dem Anpassungsdruck des preußischen Staates ihren Namen und ihr Judentum abgelegt. Theodor Fontanes Haltung ihnen gegenüber schwankte zwischen Neugier, Sympathie und Skepsis. Vermutlich haben manche Gestalten in Fontanes Romanen ihre Vorbilder in diesem Milieu. Professor Dr. Hans Dieter Zimmermann, Autor der neuesten Fontane-Biographie, lies mit Geschichten und Lesungen eine kaum bekannte Seite Fontanes lebendig werden. Begleitend dazu spielte Evgeny Beleninov Stücke von Felix Mendelssohn und Niccolò Paganini auf der klassischen Gitarre.


Vortrag
Hans-Dieter Zimmermann
Theodor Fontane und die protestantischen Juden

Theodor Fontane besprach in einer umfangreichen Rezension, die in zwei Teilen in der »Vossischen Zeitung« am 17. und 24. November 1878 abgedruckt wurde, die »Jugenderinnerungen eines alten Berliners« von Felix Eberty. Eberty ist ein direkter Nachkomme von Veitel Heine Ephraim (1703 – 1775), dem Juwelier und Bankier, der Friedrich II. half, die Kriege zu finanzieren, und der vom König, sobald die Kriege vorüber waren, fallen gelassen wurde. Einer von vier Söhnen war Joseph Veitel Ephraim (1730 – 1786), ebenfalls Hofjuwelier. Dieser wiederum zwei Söhne Veitel Joseph und Heimann Joseph (1784 – 1856). Heimann Joseph nannte sich seit 17. September 1810 Hermann Eberty. Die Trennung vom Judentum fiel ihm schwerer als die von seinem jüdischen Namen: erst 1840 ließ er sich taufen. Sein Sohn, also der Urenkel des Veitel Heine Ephraim, ist jener Felix Eberty (1812 – 1884), dessen Erinnerungen Theodor Fontane besprach.

Den gesamten Vortrag lesen (PDF)

Fotos von der Veranstaltung: Matthias Reichelt

 

Eine Kooperation mit der Ephraim Veitel Stiftung und der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum

Gefördert durch die LOTTO-Stiftung Berlin


Die Ephraim Veitel Stiftung feiert ihren 220. Geburtstag

Soirée mit Vortrag, Lesung, Musik und Gespräch
Am 6. Februar 2019 um 19 Uhr
Museum Ephraim-Palais
Poststraße 16, 10178 Berlin
Eintritt frei

»… Ein schönes Haus aus Friderizianischer Zeit«

Die Ephraim Veitel Stiftung zur Förderung jüdischen Lebens in Deutschland feierte 2019 in Berlin ihren 220. Geburtstag. Aus diesem Anlass stand das von dem preußisch jüdischen Hofjuwelier Veitel Heine Ephraim erbaute Ephraim-Palais im Mittelpunkt eines unterhaltsamen Abends. Dr. Nele Güntheroth vom Stadtmuseum Berlin führte in einem Vortrag durch die Geschichte und Architektur des Hauses. Dazu gab es Lesungen aus Literatur und Musik seiner Entstehungszeit.

 

• Grußwort zum 220. Gründungstag der Ephraim Veitel Stiftung:
Prof. Dr. Karl E. Grözinger, Vorsitzender
• Vortrag zur Geschichte des Ephraim-Palais:
Dr. Nele Güntheroth, Stadtmuseum Berlin
• Lesung und Texte:
Jerome Lombard, Berlin
• Musik – Querflöte:
Janne Kahle, Berlin


Die Veranstaltung war eine Kooperation von Ephraim Veitel Stiftung, Stiftung Stadtmuseum Berlin, Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum und Verein der Freunde und Förderer des Stadtmuseums Berlin e.V.


Feier zur Rückkehr der Stiftung nach Berlin am 26. April 2018 im Ephraim Palais

Die Ephraim-Veitel-Stiftung ist zurück

4. Mai 2018 – 19 Iyyar 5778
Von Paul Heintze

Eine denkwürdige Feier fand am 26. April im Berliner Ephraim Palais statt. Die 1799 von dem ehemaligen Hausherrn des Palais, Ephraim Veitel (1729-1803), Hofjuwelier und Münzenterpreneur von Friedrich II., gegründete Ephraim Veitel Stiftung ist 84 Jahre nach „Arisierung“ und Zwangsexil wieder nach Berlin zurückgekehrt. Hier soll sie im alten Stammhaus der Familie mit neuem Leben erfüllt werden.

Die Stiftung hatte neben sozialen Aufgaben vor allem die Schulbildung der jüdischen Jugend an der von Ephraims Vater Veitel Heine Ephraim gestifteten privaten Freischule gefördert. Im Jahr 1856 wurde die Schule zur ersten jüdischen Universität umgestaltet, nachdem die Berliner Universität es abgelehnt hatte das Fach Jüdische Studien in ihr Programm aufzunehmen. Die Veitel Heine Ephraimsche Lehranstalt genannte Hochschule zählte zu ihren Dozenten die herausragenden Köpfe der Wissenschaft des Judentums, so Leopold Zunz, Moritz Steinschneider und Abraham Geiger. Hier wurde die jüdische Wissenschaft wider den antijüdischen Zeitgeist in den Kreis der Universitätsfächer eingeführt.

Mit dem Jahr 1934 begann der Raub an der jüdischen Stiftung durch die sogenannte „Arisierung“. Der Name des Stifters wurde entfernt und Juden aus dem Vorstand gedrängt. Schon bald wurden unter dem neuen Vorsitzenden – SA-Mann und Parteimitglied – sämtliche jüdische Bewilligungsempfänger komplett aus der Liste möglicher Begünstigter gestrichen, an ihre Stelle traten stramme „Arier“ und auch Organisationen der NSDAP – auch an die eigene Familie hat man gedacht.

Nach Kriegsende haben die Alliierten und die Berliner Stiftungsaufsicht gefordert, alle in der NS-Zeit in den Vorstand der Stiftung eingerückten Personen umgehend auszuschließen und auch die den Nazi-Vorgaben angepasste Satzung wieder auf ihren Stand vor der „Arisierung“ zurückzuführen. Der SA-Mann wusste dies alles zu verhindern und zwar bis zu seinem Tode im Jahre 2000. Zu diesem Zweck hat er, der während der NSDAP-Herrschaft und danach im Auswärtigen Amt Deutschlands arbeitete, die Stiftung nach Bonn verlegt, wo sich wohl niemand mehr für ihre Raubgeschichte interessierte. Noch 1988 hat der Alt-Parteigenosse sogar einen von außen kommenden Versuch verhindert, wenigstens den ursprünglichen Stifternamen neben die noch gültige Nazi-Benennung einzusetzen.

Erst nach dem Tod des Dauervorsitzenden konnte eine schrittweise Rückführung begonnen und dann durch gründliche Forschungen in den preußischen Archiven beschleunigt werden, welche schließlich zur Rückführung nach Berlin führten.

Die wegen dieser Geschichte wirtschaftlich stark angeschlagene Stiftung soll nun durch Spenden und mögliche Kapitalaufstockungen wieder arbeitsfähig gemacht werden und eine aktive Rolle in der Vermittlung jüdischen Wissens spielen, dies auch durch Projektförderungen zu jüdischen Themen, insbesondere auch im Bereich der Jugend.

Der Artikel im Netz (Jüdische Rundschau)

Fotos: Matthias Reichelt

Ephraim-Veitel-Stiftung: Vom Rhein an die Spree

18. Mai 2018 – 4. Siwan 5778
Von Jérôme Lombard

Feier zur Rückkehr der Ephraim Veitel Stiftung / Der Vorstand mit von links nach rechts: Beatrice Magnus-Wiebel, Prof. Dr. Karl E. Grözinger, Lala Suesskind / Foto: Matthias Reichelt

Es war ein ganz besonderer Abend im Ephraim-Palais in Berlin-Mitte: Am 26. April feierte die Ephraim-Veitel-Stiftung – Deutschlands wahrscheinlich älteste jüdische Wohltätigkeitsstiftung – ihre Rückkehr nach Berlin. Der Ort für die Feier war keinesfalls zufällig gewählt worden. Das imposante Gebäude im Nikolaiviertel gilt als das Stammhaus der jüdisch-preußischen Familie Ephraim und ist der neue Hauptsitz der Stiftung.

»Ein verstoßenes Waisenkind kommt vom Rhein zurück an die Spree«, sagte Karl Erich Grözinger in seiner Begrüßungsrede vor geladenem Publikum. Der 75-jährige Judaist und Stiftungsvorsitzende hat mit seinen historischen Recherchen maßgeblich dazu beigetragen, dass die 1799 von dem preußisch-jüdischen Philanthropen Ephraim Veitel gegründete Stiftung nach der »Arisierung« durch die Nationalsozialisten heute wieder satzungsmäßig eine jüdische Stiftung ist. Dass die Institution von Bonn nach Berlin und damit zurück an ihre Geburtsstätte verlegt werden konnte, bezeichnete Grözinger als »institutionelle Wiedergutmachung historischen Unrechts«.

Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hieß die Stiftung und ihre Mitarbeiter an ihrer neu-alten Wirkungsstätte willkommen. »Mit dem Einzug der Ephraim-Veitel-Stiftung in das Ephraim-Palais kommt endlich zusammen, was zusammengehört«, sagte der Senator. Die Rückkehr der Stiftung nach Berlin sei Ausdruck des wieder erblühenden jüdischen Lebens in der Hauptstadt. »Dass wir in Berlin heute die am schnellsten wachsende jüdische Community außerhalb Israels haben, macht uns stolz«, erklärte Lederer weiter.

»Die Rückkehr ist Ausdruck des wieder erblühenden jüdischen Lebens in der Stadt.«
Kultursenator Klaus Lederer

Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, sprach mit Blick auf den Umzug der Stiftung nach Berlin von einem »überaus erfreulichen Zeichen«. »Dass die Ephraim-Veitel-Stiftung nach den dunklen Kapiteln der Vergangenheit heute wieder in dem ursprünglichen Sinne ihres Gründervaters arbeiten kann, ist das große Verdienst von Professor Grözinger und seinem Team«, sagte Botmann der Jüdischen Allgemeinen. Er freue sich auf die künftige Zusammenarbeit mit dem Vorstand.

Stiftungsgründer Ephraim Veitel war ein Hofjuwelier und Münzunternehmer am Hof Friedrichs des Großen und gehörte zu einer angesehenen jüdischen Familie. Für solche Familien war es Tradition, ihren hart erarbeiteten Wohlstand in Form von Stiftungen an ihre jüdischen und christlichen Mitbürger weiterzugeben.

Aus der originalen Stiftungsurkunde vom 6. Februar 1799, die Grözinger bei seinen Recherchen im Potsdamer Landeshauptarchiv gefunden hatte, geht hervor, dass die Institution drei Förderziele hatte. Das erste Drittel des ursprünglichen Gesamtvolumens von »33.333 Reichsthalern und acht Groschen Preußischer Courants« sollte für die Förderung des Studiums der Tora und des Talmud ausgegeben werden. Das zweite Drittel war für die Krankenfürsorge, vor allem für kranke Arme aus der weit verzweigten Stifterfamilie, und der dritte Teil zur Finanzierung der Aussteuer bedürftiger Bräute aus der Verwandtschaft vorgesehen.

Mit diesem Anspruch einer allgemeinwohlorientierten jüdischen Stiftung arbeitete die Institution bis 1934. Dann wurde die Stiftung wie alle jüdischen Stiftungen von den Nationalsozialisten enteignet – »arisiert«, wie es im NS-Jargon hieß. 1939 wurde ein entsprechendes NS-Stiftungsgesetz erlassen.

Die Nationalsozialisten zerschlugen die Ephraim-Veitel-Stiftung als Institution allerdings nicht völlig. Sie änderten den Namen in »Stiftung von 1803«. Damit spielten sie auf das Jahr an, in dem die Stiftung wirksam geworden war. Die jüdischen Vorstandsmitglieder wurden aus ihren Ämtern entfernt, und finanzielle Zuwendungen wurden nur noch an »arische« Deutsche ausgegeben. Die Erinnerung an den Namensgeber und den jüdischen Ursprung der Stiftung war damit zunichtegemacht worden.

Nach 1945 blieb der in der NS-Zeit eingesetzte Vorstandschef im Amt. Dieser verlegte die Stiftung von Berlin nach Bonn. Vermutlich, um sich der Prüfung durch die alliierte Stiftungsbehörde zu entziehen. Das Stiftungskapital war nach dem Krieg in eine Ost- und eine Westabteilung aufgeteilt und stark reduziert worden.

Der alte Vorsitzende überwies sich dennoch Jahr für Jahr ein Verwaltungshonorar, dies allerdings, ohne tatsächliche Stiftungstätigkeiten auszuführen. Von den Prüfungsbehörden blieben die Stiftung und ihr Vorsitzender in Bonn unbehelligt. Der Mantel des Schweigens und Vertuschens, der sich in den Folgejahren über die Stiftung gelegt hatte, konnte erst 2001 mit dem Tod des alten Vorsitzenden gelüftet werden. Seither agiert die Stiftung wieder unter ihrem ursprünglichen Namen im historischen Sinne ihres Gründers.

»Die Ephraim-Veitel-Stiftung war eine klassische NS-Raubinstitution«, sagte Karl Erich Grözinger. Es sei daher durchaus eine Ironie der Geschichte, dass die Namensänderung die Stiftung vor einer Zwangsauflösung und damit vor dem Schicksal anderer jüdischer Stiftungen in der NS-Zeit bewahrt habe.

»Diesem Umstand verdanken wir es, dass die Ephraim-Veitel-Stiftung die älteste jüdische Stiftung in Deutschland ist, die seit ihrer Gründung bis heute ununterbrochen besteht«, sagt Grözinger, der seit 2007 Vorsitzender der Stiftung ist. Stellvertretende Vorsitzende ist die langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind.

Die Ephraim-Veitel-Stiftung fördert aktuell Projekte der jüdischen Erziehung und des interkulturellen Austauschs, darunter Schülerfahrten nach Polen und Jugendleiterseminare in Israel. Um die Stiftung wieder voll funktionsfähig zu machen, ist man auf Spenden angewiesen.

Felix Klein, der neue Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, kündigte an, sich für eine Förderung der Stiftung einzusetzen. »Die Ephraim-Veitel-Stiftung trägt mit ihren historischen Traditionslinien entscheidend dazu bei, die unterschiedlichen Facetten deutsch-jüdischen Lebens der Bevölkerung näherzubringen«, sagte Klein.

Der Artikel im Netz (Jüdische Allgemeine Zeitung/JAZ)