Der Eröffnung der ersten universitären jüdischen Hochschule Berlins im Jahre 1856 gingen mehr als zwanzig Jahre des Niedergangs, des Suchens, Irrens und der Zurückweisungen voraus. Das 1774 gestiftete Lehrhaus Beth Midrasch hatte seine Attraktivität verloren, das Engagement neuer Lehrer aus dem Umkreis der neuen Wissenschaft des Judentums kam nicht richtig in Gang, Versuche mit christlichen Theologen mussten auf Geheiß der Behörden alsbald abgewiesen werden, die Einbeziehung in die neu gegründete Berliner Universität wurde harsch zurückgewiesen bis schließlich der Durchbruch als eigenständige Hochschule gelang. Sie wurde eng mit dem Unterrichtsrhythmus der Universität verzahnt, forderte dieselben hohen Zugangsbestimmungen und engagierte nur akademisch gebildete und promovierte Dozenten, darunter auch Professoren der Universität. Die Hochschule trug den Namen Veitel Heine Ephraimsche Lehranstalt. Das ungeklärte Ende kam zwischen 1927 und 1930.

Die Ephraim Veitel Stiftung finanzierte zusammen mit der Veitel Heine Ephraim‘schen Stiftung die Dozenten und die Buchankäufe. Der Lehrvertrag zwischen dem herausragenden Begründer der Wissenschaft des Judentums, Dr. Leopold Zunz, und der Ephraim Veitel Stiftung hat sich im Zunz-Archiv erhalten. Er legt die strengen akademischen Bedingungen der Lehre an dieser Hochschule fest:

Der Herr Dr. phil. Zunz verpflichtet sich:

§ 1
A. die rabbinische Litteratur d.h. alle Werke, welche seit dem Schlusse des Canons des alten Testaments in der aus dem Hebräischen und Aramäischen hervorgegangenen Gelehrten-Sprache der Juden und von der Hand der Letzteren geschrieben sind, und die damit in unmittelbarem Zusammenhange stehenden Hilfswissenschaften in rein philologisch archäologischer Weise, und zwar durch Vorträge über rabbinische Litteratur und aus derselben wobei die heilige Schrift, Talmud, Midrasch und Commentare in erster Reihe stehen, zu lehren, fördern und pflegen. […]

§ 2
Das Semester des Unterrichts schließt sich dem der hiesigen Universität an, und hat der Herr Dr. Zunz wenigstens zwei Monate vor dem jedesmaligen Semester eine genaue Anzeige über die von Ihm im nächsten Semester vorzutragenden Gegenstände unter Angabe der Zeit den Curatoren in triple schriftlich zu machen, und dann nach erhaltener schriftlicher Genehmigung Seitens der Curatoren diesen Plan zu befolgen, wenigstens so lange als bis ihm die Curatoren eine Abweichung davon gestatten.

Die für das Berliner Judentum höchst aufschlussreiche Geschichte dieser »Lehranstalt« ist bisher nur in Ansätzen erforscht (siehe K. E. Grözinger, Die Stiftungen der preußisch-jüdischen Hofjuweliersfamilie Ephraim und ihre Spuren in der Gegenwart, Wiesbaden 2009). Die Grundlage für weitere Erforschung der Hochschule und der gesamten Aktivitäten der Hofjuwliersfamilie Ephraim und ihres wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Umfeldes wird durch ein digitales Archiv geschaffen, das gegenwärtig vom Vorsitzenden der Ephraim Veitel Stiftung, Prof. Dr. Karl E. Grözinger, in Kooperation mit dem Lehrstuhl Neuere Geschichte (deutsch-jüdische Geschichte) an der Universität Potsdam unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Brechenmacher erarbeitet und dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Über den Fortgang dieser Arbeiten und wichtige Funde werden wir regelmäßig an dieser Stelle informieren.

K. E. Grözinger – Januar 2020