Friedrichsd'or, sogen. Kriegsprägung unter Veitel Ephraim, Königreich Preußen (Avers) Berlin, 1767

Rthlr. 33333: 8g

Das Stiftungskapital der Ephraim Veitel Stiftung belief sich laut dem Testament des Stifters, Ephraim Veitel Ephraim vom Februar 1799 auf die ungewöhnliche Summe von Rthlr. 33333:8 g »sage drey und dreißig Tausent drey Hundert drey und dreissig Reichsthaler acht Groschen«.

In den restlichen Anordnungen der Stiftungsurkunde operiert der Stifter stets mit runden Summen und so hatte er als Kapital der Stiftung ursprünglich auch den Betrag von 25.000 Reichsthalern angesetzt. Doch im Anhang der Stiftungsurkunde folgt sodann die überraschende Anordnung: »Mit der nehmlichen Verbindlichkeit und Verpflichtung, womit ich die in meinem ob und vorstehendem Testamente bemerkte Schuld von Rthlr 25000 … auf mir, meine Erben und Stellvertreter genommen, eben so habe ich annoch von heute und jetzo an auf mir, meine Erben und Stellvertreter genommen zu zahlen eine Stunde vor meinem Tode … die Summa von Rthlr 8333 : 8 g sage acht Tausend dreyhundert drey unddreyssig Reichsthaler acht Groschen Pr Cnt de anno 1764, zum Behuf der in meinem gedachten Testament bestimmten milden Stiftung.«

Warum will der Stifter eine Stunde vor seinem Tode diese eigenartige Summe zum Stiftungskapital hinzufügen lassen? Die Antwort gibt Ephraim Veitel schon im Anfang seines Testaments. Die Stiftung soll demnach »zum Nutzen seiner Seele« dienen, sie soll ihm als »gutes Werk, einst vorschreiten und den Weg zur Seeligkeit bahnen«. Entsprechend ordnete er an, dass an seinem Sterbetag während des Begräbnisses 300 Reichsthaler als Almosen an Arme verteilt werden sollten – gemäß dem talmudischen Motto »Almosen retten vor dem Tode«. Außerdem ordnete er an, dass 10 jüdische Gelehrte von seinem Abscheiden bis zu seiner Bestattung zu seinen Gunsten Mischna studieren sollten, wofür jeder mit 10 Reichsthalern entlohnt werde. – Alles also Maßnahmen, welche den Übergang des Stifters vom Leben zum Tode und ihn vor der im Grabe folgenden Grabesstrafe behüten sollten.

Die Erhöhung des Stiftungskapitals um 8333 Thaler und 8 Groschen gerade eine Stunde vor dem Tod des Stifters musste also demselben Ziele dienen. Aber weshalb ein so merkwürdiger Betrag? Die Lösung wird kein Finanzfachmann geben können, sondern nur ein »Kabbalist«. Betrachtet man diese Zahlen nach den Regeln der Gematria, also der Zahlen-Buchstabenspekulation, so löst sich das Rätsel alsbald auf: Die Ziffern 8333 ergeben zusammengezählt den Zahlwert 17. Nimmt man noch die 8 der Groschen hinzu kommt man auf 25. Schließlich darf man die Gesamtsumme, die wie ein Wort betrachtet werden kann, mit dem Wert eins zählen. Das ergibt zusammen 26. Und der Zahlwert 26 entspricht nach der Gematria nichts weniger als dem heiligsten Gottesnamen JHWH – יהוה. Der Stifter will also in der Stunde der höchsten Not das wirkmächtigste Remedium, den Gottesnamen – verkörpert durch die Zahlen der zusätzlichen Geldspende – hinzufügen, so wie man unter Juden Geldgeschenke mit der Zahl 18 gibt, welche nach der Gematria Ḥaj, »er soll leben« bedeutet. Auch die schließliche Endsumme ergibt eine weitere Unterstützung: Sie hat folgenden Zahlwert: 33333 ergibt nach der Gematria 15 und das ist die Kurzform des genannten Gottesnamens JaH- יה. Nimmt man noch die 8 g (g steht für den hebräischen Buchstaben Gimmel = 3) hinzu, so sind dies 11 und man kommt wieder auf die wunderbare 26.

Unser Stifter, der Weltmann, Industrielle, Münzentrepreneur und Kämpfer für die jüdischen Rechte im preußischen Staat und Finanzpolitiker, vertraute offenbar im Angesicht des Todes doch lieber auf die Sicherheiten der jüdischen Tradition.

K. E. Grözinger – Januar 2020

 

Abb. Vorschaubild:
Friedrich II (Münzherr)
Friedrichsd’or, sogen. Kriegsprägung unter Veitel Ephraim, Königreich Preußen (Avers)
Berlin, 1767
Gold mit Kupferkern, D: 24 mm; 6 g
Inv.-Nr.: IV 92/03 o
Bildnr.: IV 92/03 o_1
© Stiftung Stadtmuseum Berlin
Reproduktion: Michael Setzpfandt, Berlin


Wissenschaftliche Blätter aus der Veitel-Heine-Ephraim'schen Lehranstalt in Berlin

Die erste jüdische Universität in Berlin

Der Eröffnung der ersten universitären jüdischen Hochschule Berlins im Jahre 1856 gingen mehr als zwanzig Jahre des Niedergangs, des Suchens, Irrens und der Zurückweisungen voraus. Das 1774 gestiftete Lehrhaus Beth Midrasch hatte seine Attraktivität verloren, das Engagement neuer Lehrer aus dem Umkreis der neuen Wissenschaft des Judentums kam nicht richtig in Gang, Versuche mit christlichen Theologen mussten auf Geheiß der Behörden alsbald abgewiesen werden, die Einbeziehung in die neu gegründete Berliner Universität wurde harsch zurückgewiesen bis schließlich der Durchbruch als eigenständige Hochschule gelang. Sie wurde eng mit dem Unterrichtsrhythmus der Universität verzahnt, forderte dieselben hohen Zugangsbestimmungen und engagierte nur akademisch gebildete und promovierte Dozenten, darunter auch Professoren der Universität. Die Hochschule trug den Namen Veitel Heine Ephraimsche Lehranstalt. Das ungeklärte Ende kam zwischen 1927 und 1930.

Die Ephraim Veitel Stiftung finanzierte zusammen mit der Veitel Heine Ephraim‘schen Stiftung die Dozenten und die Buchankäufe. Der Lehrvertrag zwischen dem herausragenden Begründer der Wissenschaft des Judentums, Dr. Leopold Zunz, und der Ephraim Veitel Stiftung hat sich im Zunz-Archiv erhalten. Er legt die strengen akademischen Bedingungen der Lehre an dieser Hochschule fest:

Der Herr Dr. phil. Zunz verpflichtet sich:

§ 1
A. die rabbinische Litteratur d.h. alle Werke, welche seit dem Schlusse des Canons des alten Testaments in der aus dem Hebräischen und Aramäischen hervorgegangenen Gelehrten-Sprache der Juden und von der Hand der Letzteren geschrieben sind, und die damit in unmittelbarem Zusammenhange stehenden Hilfswissenschaften in rein philologisch archäologischer Weise, und zwar durch Vorträge über rabbinische Litteratur und aus derselben wobei die heilige Schrift, Talmud, Midrasch und Commentare in erster Reihe stehen, zu lehren, fördern und pflegen. […]

§ 2
Das Semester des Unterrichts schließt sich dem der hiesigen Universität an, und hat der Herr Dr. Zunz wenigstens zwei Monate vor dem jedesmaligen Semester eine genaue Anzeige über die von Ihm im nächsten Semester vorzutragenden Gegenstände unter Angabe der Zeit den Curatoren in triple schriftlich zu machen, und dann nach erhaltener schriftlicher Genehmigung Seitens der Curatoren diesen Plan zu befolgen, wenigstens so lange als bis ihm die Curatoren eine Abweichung davon gestatten.

Die für das Berliner Judentum höchst aufschlussreiche Geschichte dieser »Lehranstalt« ist bisher nur in Ansätzen erforscht (siehe K. E. Grözinger, Die Stiftungen der preußisch-jüdischen Hofjuweliersfamilie Ephraim und ihre Spuren in der Gegenwart, Wiesbaden 2009). Die Grundlage für weitere Erforschung der Hochschule und der gesamten Aktivitäten der Hofjuwliersfamilie Ephraim und ihres wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Umfeldes wird durch ein digitales Archiv geschaffen, das gegenwärtig vom Vorsitzenden der Ephraim Veitel Stiftung, Prof. Dr. Karl E. Grözinger, in Kooperation mit dem Lehrstuhl Neuere Geschichte (deutsch-jüdische Geschichte) an der Universität Potsdam unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Brechenmacher erarbeitet und dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Über den Fortgang dieser Arbeiten und wichtige Funde werden wir regelmäßig an dieser Stelle informieren.

K. E. Grözinger – Januar 2020

 

Abb Vorschaubild:
Wissenschaftliche Blätter aus der Veitel-Heine-Ephraim'schen Lehranstalt in Berlin
Verlagsort: Berlin | Erscheinungsjahr: 1862 | Verlag: [s.n.]
Bayerische Staatsbibliothek, München, Signatur: Hbh/Pz 7850-1
Reihe: Wissenschaftliche Blätter aus der Veitel-Heine-Ephraim'schen Lehranstalt in Berlin
Permalink: http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10814296-8